Ich spreche, also bin ich

Essay über eine bagatellisierte Beeinträchtigung

Ich stehe auf dem Bürgersteig vor dem Café und habe Herzrasen. Ich möchte einen Kaffee trinken und dazu vielleicht noch ein Stück Kuchen oder Gebäckteil essen. Alles, was ich dafür tun muss, ist, über die Schwelle zu treten und meinen Wunsch zu artikulieren. Unschlüssig blicke ich abwechselnd auf meine Schuhspitzen und auf die große Glastür, die mich von meinem Ziel trennt. Neue Kundschaft schiebt sich ausgelassen und gedankenlos zwischen mich und meine Herausforderung. Mir entweicht ein Seufzer, nervös trete ich von einem Bein aufs andere. Die Synapsen in meinem Gehirn feuern und meine Lippen formen lautlose Buchstaben: Ich bereite mich minutiös auf den Moment vor, in dem ich vor dem freundlich aussehenden Barista stehen und meine Bestellung aufgeben werde. Mittlerweile verlässt das Paar das Café wieder. Sie lächeln mich an und halten mir die Tür auf. Da muss ich jetzt also rein, es führt kein Weg daran vorbei — nachdem ich bereits etliche Minuten auf dem Gehweg gestanden hatte und man mich für eine debütierende Ladendiebin hätte halten können. Angestrengt versuche ich, das mir entgegengebrachte Lächeln zu erwidern, bin aber völlig geistesabwesend. Das Pulsieren in der Brust hat an solch Intensität gewonnen, dass ich davon überzeugt bin, es sei mir anzusehen. Ich setze einen Fuß vor den anderen und nähere mich der Theke in Schneckentempo. Der Barista ist tatsächlich ein freundlicher Mensch, er begrüßt mich bereits von Weitem und schaut mich erwartungsvoll an. Jetzt bin ich nahe genug dran, um einen Blick auf die Speisenkarte zu erhaschen, die in großen Lettern auf einer Holztafel hinter der Bartheke geschrieben steht. Aber mein Studium der angebotenen Speisen und Getränke des Cafés ist bloß Tarnung. Ich kenne die Spezialitäten des Hauses in- und auswendig. Trotzdem richte ich meinen Blick starr auf die Tafel, um Zeit zu gewinnen. Vor meinem Auge verschwimmt alles. Einen Milchkaffee mit Hafermilch und ein Stück Streuselkuchen, bitte. Das möchte ich sagen. Aber die Worte bleiben stecken, ich kriege sie nicht raus. Ich starte einen neuen vergeblichen Anlauf, will sie herauspressen. Panik steigt in mir auf, meine Kehle schnürt sich zu. Ich höre, wie sich die Tür hinter mir erneut öffnet und sich eine Gruppe lachender Menschen hinter mich stellt. Bestimmt gilt ihr Lachen mir. Ich spüre, wie die Blicke auf mich gerichtet sind. Längst sind alle auf mich aufmerksam geworden und die Gespräche verstummt. Oder bilde ich mir das nur ein? Alle warten jetzt auf mich. Meine Hände sind zu Fäusten geballt, alles Blut aus meinen Fingern gewichen. Vergiss Milchkaffee, Cappuccino oder Chai Latte. Du kriegst das eh nicht hin. Vom Streuselkuchen ganz zu schweigen. “Einen Minztee, bitte”, höre ich mich sagen. Die Stimme klingt fremd, so als gehöre sie nicht zu mir. Ich beiße mir schambehaftet auf die Unterlippe, den Blick auf den Boden geheftet. In Luft auflösen möchte ich mich, hier und jetzt. Ich lege ein paar Münzen auf den Tresen und nehme den großen Becher mit heißem Wasser und Teebeutel entgegen. Erschöpft und resigniert lasse ich mich an einem kleinen Tisch in der hinteren Ecke des Cafés nieder. Minztee? Mochte ich eigentlich noch nie besonders. Aber heute war nichts zu machen, so sehr ich’s auch wollte und mich bemüht habe. So ist das eben manchmal, im Leben von stotternden Menschen. 

Wir sind viele — und doch so unsichtbar: eine Bestandsaufnahme

Die geschilderte Episode ist nur eine von etlichen aus einem unerschöpflichen Fundus, der über die Jahre angewachsen ist. Sie steht exemplarisch für meist ganz gewöhnliche Situationen, die mich und etwa 800.000 weitere Menschen in Deutschland jedoch tagtäglich vor Herausforderungen stellen. Angesichts des heutigen Stands der Wissenschaft überrascht es, wie wenig wir noch immer über das Stottern wissen, wie weit wir davon entfernt sind, Ursachen und Auslöser zu verstehen. Wie viel ist Genetik — also vererbte Veranlagung — und welchen Anteil haben einzelne, unter Umständen traumatische Ereignisse? Hat der Sturz vom Klettergerüst was damit zu tun? Die Scheidung der Eltern? Wieso stottert ein Geschwisterkind, während das andere keinerlei Symptome zeigt?

Hand aufs Herz: wie viele stotternden Menschen mit Führungsverantwortung oder in öffentlichkeitswirksamer Position sind dir schon begegnet?

Fast eine Millionen Menschen in Deutschland und 1% der Weltbevölkerung — also rund 80 Millionen Menschen — stottern. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung sind wir noch stark unterrepräsentiert. Es gibt Verbände und Vereinigungen, Selbsthilfegruppen und hervorragende logopädische Angebote. Aber Hand aufs Herz: wie viele stotternden Menschen mit Führungsverantwortung oder in öffentlichkeitswirksamer Position sind euch schon begegnet? Wie viele CEOs geben offen zu, dass sie stottern; wie groß ist der Anteil von Stotternden in jenen Bereichen, bei denen die Besetzung von Stellen eine wahrheitsgetreue Abbildung der Gesellschaft sicherstellen sollte, z.B. in der Lehre oder im staatlichen Rundfunk? Hier ließe sich argumentieren, dass stotternde Menschen sich eben tendenziell nicht für den Lehrerberuf oder den der Radiomoderatorin interessieren. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist jedoch: wieso ist das so, und wie viel davon ist das Ergebnis von Sozialisation, d.h. zurückzuführen auf das Heranwachsen in einer Gesellschaft, die bestimmte Verhaltensnormen definiert und damit Erwartungen konstruiert?

Immerhin besteht unter Forschenden mittlerweile Einigkeit darüber, dass das Gehirn von Stotternden anders aufgebaut ist und funktioniert. Weil die Verbindung zwischen den einzelnen Spracharealen gestört ist, fehlen für die Sprechbewegung nötige Signale. Die Zunge stolpert, es kommt zum stockenden Redefluss. Beim Stottern handelt es sich, anders als lange angenommen, nicht um eine Sprachstörung: stotternde Personen wissen, was sie sagen möchten; erst in der Umsetzung stoßen sie an ihre Grenzen. Das Stottern tritt in unterschiedlichen Formen auf, den so genannten Primärsymptomen: Dehnungen, Wiederholungen und Blockaden. Manche zählen noch das Poltern dazu, was aber streng genommen ein weiteres Störungsbild ist. Von Sekundärsymptomen spricht man, um all die — bewussten, d.h. gezielt eingesetzten, wie unbewussten, d.h. unfreiwilligen — Mechanismen zu beschreiben, mit dem die Stotternde ihre Primärsymptome zu überwinden versucht. Dazu zählen beispielsweise bestimmte Körperbewegungen wie das Neigen des Kopfes oder das Zusammenkneifen der Augen, aber auch schnelles Reden und Wortvermeidungen. Jeder stotternde Mensch hat ganz eigene Strategien und Techniken entwickelt, um die Komplexitäten des Alltags zu meistern und möglichst risikoarm durchs verbalkommunikative Leben zu kommen. Dass diese gezielt antrainierten oder unterbewusst ausgebildeten Sekundärphänomene manchmal Überhand nehmen und ganz andere Herausforderungen mit sich bringen können, wird uns an späterer Stelle noch beschäftigen.

Stotterereignisse sind immer verbunden mit äußeren Einflüssen: die genetische Prädisposition ist da, irgendwann — meist im Kindesalter; später tritt es meist nur nach Schlaganfällen oder ähnlichen medizinischen Vorfällen auf — ist der Redefluss gestört, aber wann und wie stark die Person stottert, hängt auch von einer Reihe von Faktoren ab: wie ist meine aktuelle Grundverfassung, in welchem Setting findet ein Sprechanlass statt (im Kreise enger Vertrauter, vor Kolleg:innen oder im Rahmen einer Prüfung?), fühle ich mich adäquat vorbereitet auf meinen Redebeitrag und welche Bedeutung messe ich der Situation bei? Wer müde und gestresst ist, stottert tendenziell mehr. Unterstützend wirken regelmäßige Entspannungsübungen, frische Luft und sich bei wichtigen Redeanlässen vorzustellen, nur im engsten Familienkreis aufzutreten. Aber darauf gibt es keine Gewähr. Schon die jeweilige Tagesform kann verheerende Folgen haben. Singen und Fluchen hingegen klappt ausnahmslos stotterfrei, weil dafür andere Hirnareale genutzt werden. Alkohol hilft auch, genauso wie auch Nicht-Stotternde nach dem dritten Bier auf einmal unheimlich gut fremdsprachenbegabt sind — oder zumindest meinen, es zu sein. Vermutlich einfach, weil die Zunge lockerer wird und Hemmungen abgebaut werden. Teil fast jeder logopädischen Behandlung ist das so genannte Pseudostottern, bei dem die betroffene Person am Telefon oder im Feld absichtlich stottert. Dadurch soll das Gegenüber sensibilisiert und der Druck für den Stotternden reduziert werden.

“Stell dich doch nicht so an, es ist doch gar nicht so gemeint. Es klingt halt einfach nur lustig.”

Früher galt die Redeflussstörung als geistige Behinderung, später wurde Stottern auf Ängstlichkeit und Labilität zurückgeführt. Diese Assoziationen wirken bis heute nach. Noch immer ist es eine weit verbreitete Annahme, Stotternde seien weniger intelligent oder beeinträchtigt in ihrer kognitiven Entwicklung. Stottern ist gesellschaftlich noch immer stark stigmatisiert, während das Leid der Betroffenen gleichzeitig allzu häufig bagatellisiert wird. Stotternde werden in ihren Herausforderungen oft nicht ernst genommen und dadurch ihrer Würde als vollwertige Kommunikator:innen beraubt. In seiner Rede vor dem American Institute for Stuttering im Juni 2016 hat Joe Biden, selbst ein Stotterer, verdeutlicht, wie salonfähig und gesellschaftlich akzeptiert es nach wie vor ist, sich über Stotternde lustig zu machen oder auf ein Stotterereignis mit Lachen zu reagieren — während es wohl die wenigsten wagen würden, offen über einen Menschen im Rollstuhl zu witzeln. Statt unverhohlenes Nachäffen zu ächten, wird von einem Stotternden allzu oft Verständnis erwartet. Stell dich doch nicht so an, es ist doch gar nicht so gemeint. Es klingt halt einfach nur lustig. Dabei entlastet es die oder den Aggressor:in — den Begriff wähle ich ganz bewusst, denn bei einem solche Verhalten handelt es sich zweifelsohne um eine Aggression, einen herabwürdigen, entmenschlichen Angriff — im Übrigen nicht, wenn sie oder er nicht von einer vorliegenden Behinderung ausgegangen ist. Ob jemand mit Beinbruch oder Querschnittslähmung im Rollstuhl sitzt, spielt doch für das moralische Gebot, den Menschen mit Würde zu begegnen und eben keine erniedrigenden Kommentare von sich zu geben, auch keine Rolle. Damit möchte ich natürlich nicht die Tatsache abschwächen, dass Menschen mit anderen Behinderungen ebenso Diskriminierung und Ausgrenzung erfahren. 
Es scheint nach wie vor ein Kavaliersdelikt zu sein, die Beeinträchtigung des Stottern nicht in ihrer Gesamtheit anzuerkennen. Rein juristisch gesehen steht es zwar unter Strafe, sich verbal oder tätlich an behinderten Menschen zu vergehen. Aber mit Blick aufs Stottern befinden wir uns da in einer Grauzone, denn: ab wann das Stottern als rechtlich einklagbare Behinderung gilt und wie der Schweregrad nachzuweisen ist, stellt die betroffene Person vor Herausforderungen. Und nicht jede:r möchte diesen Schritt gehen, sich eine öffentliche Bestätigung der eigenen — ja, nennen wir es einmal so — Unzulänglichkeit ausstellen zu lassen. Ganz abgesehen davon, ob wir wirklich jedes Auslachen oder — ja, auch diese krude Rechtfertigung seitens Aggressoren gibt es — Mitlachen zur Anzeige bringen möchten. Darum geht es im Grunde auch gar nicht, sondern um etwas viel Tiefergehendes: um ein gesellschaftliches Aufwachen, ein Zugeständnis und eine Anerkennung der Situation von Stotternden, ohne sie kurzum als Opfer zu brandmarken.

Ich bin gewissermaßen ein seltenes Exemplar

5% aller Kinder stottern, kurz nachdem sie mit dem Sprechen beginnen. Kurioserweise sind prozentual viel mehr Jungen als Mädchen betroffen. Was wir nicht verstehen: warum wächst sich das Stottern in 80% der Fälle einfach wieder aus? 
Ich gehöre zu den restlichen 20% und bin noch dazu weiblich, gewissermaßen also ein seltenes Exemplar. Mein Großvater war Stotterer, das spricht also wieder für die Vererbungsthese. Erst ist leider gestorben, als ich noch ein Kind war. Ich wünschte, er würde noch leben, damit ich mich mit ihm austauschen könnte. Darüber, wie es ihm damit geht, welche Strategien er verwendet und was bei ihm gar nicht klappt. In meiner Erinnerung war er ein fröhlicher Mann, der nicht viel geredet hat. Ist ja verständlich, werden einige jetzt vielleicht denken, aber das sehe ich nicht so. Ich rede auch viel und gerne, obwohl ich stottere. Mein Opa war einfach mehr der stille Typ, der es aber faustdick hinter den Ohren hatte. Manchmal hat er ganz plötzlich etwas wahnsinnig Lustiges gesagt und alle haben sich vor lauter Lachen gar nicht mehr einbekommen. Wenn wir zu Besuch kamen, haben mein Bruder und ich meist im Nebenzimmer gespielt, während die Erwachsenen im Wohnzimmer zusammensaßen. In regelmäßigen Abständen steckte Opa Josef dann den Kopf in die Tür, strahlte uns an und pfiff munter vor sich hin. Vielleicht war auch das ein Sekundärphänomen, sein Pfeifen.
Vor Oma und uns und mit einem Schnaps intus hat Opa sich gern an Unterhaltungen beteiligt. Sein Stottern war dann nie ganz weg, aber er war sichtlich gelöst. Er hat sich einfach wohlgefühlt, sicherlich auch, weil nie ein Hehl um seine Beeinträchtigung gemacht worden ist. Jede:r hat ihn ausreden lassen und ihn ganz selbstverständlich in Gespräche involviert. Ich glaube, es ist wohl keinem mehr so richtig aufgefallen. Es war normal, er war normal.

Jede Andersartigkeit wird seziert, thematisiert und kategorisiert, für alles gibt es Namen (oder: Label) und Lösungen (z.B. Therapien). Wir fühlen uns unglaublich aufgeklärt und tolerant, indem wir Menschen je nach Auffälligkeit in Gruppen einsortieren — und sie dann trotzdem übergehen, weil sie eben nicht zum mainstream gehören, auf den unsere Welt ausgerichtet ist.

Diese Erfahrung hat mich geprägt. Ich weiß nicht, wie es meinem Großvater außerhalb seiner vier Wänden und seiner gewohnten Umgebung ergangen ist. Als Bergkumpel war er es sicherlich nicht gewohnt, mit Samthandschuhen angefasst zu werden. Andererseits hatten die Menschen damals — Opa Josef war Jahrgang 1921 — weiß Gott andere Probleme, als sich über einen Stotterer zu sehr das Hirn zu zerbrechen. Vielleicht war es früher auch einfach weniger ein großes Ding. Der eine hat ein Holzbein, jemand anderes ist auf dem linken Auge blind und Opa hat eben gestottert. Heute sind wir viel weiter — aber bei manchem eben schrecklich rückschrittlich. Jede Andersartigkeit wird seziert, thematisiert und kategorisiert, für alles gibt es Namen (oder: Label) und Lösungen (z.B. Therapien). Wir fühlen uns unglaublich aufgeklärt und tolerant, indem wir Menschen je nach Auffälligkeit in Gruppen einsortieren — und sie dann trotzdem übergehen, weil sie eben nicht zum mainstream gehören, auf den unsere Welt ausgerichtet ist. Mein Opa war einfach Josef, der Kumpel auf der Zeche Zollverein, verheiratet, zwei Söhne, guter Fußballspieler. Und Katholik, aber kein sehr strenger. Punkt. Dafür gab es natürlich keine Selbsthilfegruppen und logopädische Behandlungen, stimmt. Vielleicht hätte er sie gern gehabt, um andere Stotternde kennenzulernen oder an seiner Aussprache zu arbeiten. Aber vielleicht war auch einfach nie ein Bedürfnis dafür in ihm erwachsen, denn ihm war ja gar nicht unbedingt bewusst, dass er ein Problem hatte, das er möglichst ausmerzen sollte.

Für mich gleicht das Leben als Stotternde einer endlosen und zutiefst komplizierten Reise, auf der ich mal schneller und mal langsamer vorankomme. Auf dem Weg hin zu einem mir noch unbekannten Ziel widerfahren mir allerhand Dinge, ich gelange zu Erkenntnissen, die ich entweder nach einer gewissen Zeit revidiere oder mit weiteren Informationen anreichere. Manchmal nehme ich Abzweigungen, verrenne mich in Sackgassen oder gehe ein paar Schritte zurück. Meistens dann, wenn ich mal wieder eine stärkere Stotterepisode habe und mir einfach beim besten Willen nicht vorstellen kann, diese anstrengende, wenn auch lohnende Reise fortzusetzen. Man ist halt nicht immer gewappnet für schlecht isolierte Schlafsäcke oder stechende Moskitos. Genauso wenig bin ich allzeit bereit für ein Bewerbungsgespräch oder das längst überfällige Beschwerdetelefonat mit dem Internetanbieter. Kling nach Lappalien? Willkommen im Leben einer Stotternden. Natürlich bin ich mir bewusst, dass es andere Behinderungen gibt, die die Betroffenen weitaus stärker beeinträchtigen. Das hier soll weder eine Opferstilisierung noch ein Kampfpamphlet sein; es ist der Versuch, mich selbst besser zu verstehen und das Stottern für Nicht-Stotternde erklärbarer zu machen.

In Bewerbungsverfahren müsste ich eigentlich betonen, wie kreativ und kognitiv brillant ich bin — weil ich ja permanent Wörter austausche.

Ich bin 33 und habe immer noch oft das Gefühl, ich sei das kleine Mädchen, das sich hinter seinen Eltern verstecken möchte. Als ich letztens zu Besuch in der Heimat war und zum Arzt musste, hat meine Mutter angerufen und einen Termin vereinbart. Sie hat sich gar nicht gewundert, dass ich sie gefragt habe. Vielleicht konnte sie sich ihren Teil denken. Wirklich nachvollziehen kann sie meine Situation aber glaube ich nicht, wie vermutlich niemand, der nicht selbst stottert oder beruflich mit Stotternden zu tun hat. Vor ein paar Jahren habe ich meiner Mutter einmal erklärt, wie sich so ein Tag für mich anfühlt, wie erschöpft ich abends bin: vom Kommunizieren, von der Anspannung und Erwartung, dass es gleich wieder passieren wird, vom ständigen Wörter-Austauschen. Das ist nämlich mein größtes Sekundärsymptom, Fluch und Segen zugleich: in Unterhaltungen antizipiere ich permanent, was mein:e Gesprächspartner:in sagen und was ich antworten werde. Im Prinzip tätige ich meine Aussagen nicht spontan, sondern habe sie mir im Kopf bereits vorgesprochen. In Bewerbungsverfahren müsste ich eigentlich betonen, wie kreativ und kognitiv brillant ich bin — weil ich ja permanent Wörter austausche und stets bereit bin, in Windeseile ganze Wortketten umzustellen. Meine Redebeiträge dürfen dann natürlich nur aus solchen Wörtern bestehen, die nicht auf meiner mental blacklist stehen. Die sind nämlich Gift, Tod und purer Horror in Personalunion. Unter keinen Umständen kriege ich die über die Lippen und tue alles, um sie zu vermeiden. Waschmaschine ist so ein Wort, gesellschaftswissenschaftlich ist auch schwierig, und natürlich mein eigener Name — der Klassiker unter Stotternden. Wenn dann doch mal die Waschmaschine defekt ist, helfe ich mir mit allerlei Tricks. Zum Beispiel nenne ich dann das Modell: mein Siemens Frontlader XYZ, oder ich formuliere den Satz so um, dass ich von der wissenschaftlichen Perspektive sprechen kann, die die Gesellschaft einnimmt.

Manchmal ergibt es leider gar keinen Sinn oder wirft ein schlechtes, stupides Licht auf mich. Ich lasse zu, dass andere von mir denken, ich wüsste Sachen nicht oder sei dumm, nur um nicht in die Gefahr zu kommen, zu stottern. Aber das ist bislang immer das kleinere Übel gewesen. Viel wichtiger war für mich stets, mich der jeweiligen Situation entziehen zu können, die Panik in mir hat aufsteigen lassen. Ich schäme mich, wenn ich stottere und gewähre Gesprächspartner:innen, die ungeduldig oder ruppig reagieren, das Recht, sich unhöflich und diskriminierend zu verhalten: alles nur, um mich der Situation und Peinlichkeit zu entziehen (“Sie haben ja recht, ich kann ja auch nicht vernünftig sprechen und halte sie bloß auf”).

Immer dann, wenn ich von meiner eigenen Scham übermannt werden, könnte ich platzen vor Wut und finde kein Ventil dafür.

Was nicht zeitkritisch ist, schiebe ich so lange vor mir her, bis es nicht mehr geht — oder ich versuche, es ganz zu vermeiden. Auf Festnetznummern anrufen zum Beispiel, weil man da immer sagen muss, wer spricht. Lieber google ich stundenlang und suche eine Mailadresse. In Unterhaltungen bin ich so fokussiert aufs Sprechen, dass ich im Nachhinein manchmal gar nicht mehr weiß, worum genau es ging. Wenn ich etwas lese, versuche ich immer direkt krampfhaft, mir den Inhalt in meinen eigenen Worten — mit solchen, die ich sagen kann — zu wiederholen, um auskunftsfähig zu sein, falls ich mal in ein Gespräch darüber verwickelt werden sollte. Die Male, bei denen ich aufs Klo geflüchtet und jemand anderes für mich habe mitbestellen lassen, kann ich nicht an zwei Händen abzählen. Stottere ich dann in Situationen, denen ich mich nicht entziehen konnte, fühle ich mich mitunter wie ein Nichtsnutz, der entlarvt worden ist.

Das alles nimmt unendlich viel Kapazität in meinem Gehirn und Leben ein, und lähmt mich in so vielen anderen Hinsichten. Nach einem ganz gewöhnlichen Tag, der meinem vegetativen und kognitiven (Nerven-)System Höchstleistungen abverlangt, liege ich manchmal also kraftlos im Bett und fühle mich leer, ausgepowert. Mein Verstand ist neblig, wieder einmal habe ich dringend an anderer Stelle benötigte Hirnkapazitäten darauf verwendet, zu performen. Je nachdem, für wie erfolgreich ich meine Performance auf der sprachlichen Bühne des Lebens an diesem Tag bewerte, spüre ich entweder Gefühle der Erleichterung oder der Niedergeschlagenheit in mir aufwallen. Ich bin erleichtert, wenn ich in meinem Redepart in diesem wichtigen Meeting reüssiert und keine Stotterereignisse gezeigt habe; ich bin von mir enttäuscht, weil es schon wieder nicht so geklappt hat, wie ich es mir vorgenommen hatte. Manchmal wird diese Enttäuschung zu regelrechtem Selbsthass. Immer dann, wenn ich von meiner eigenen Scham übermannt werden, könnte ich platzen vor Wut und finde kein Ventil dafür. Die Wucht an Emotionen, die dann auf mich einprasselt, gleicht einem Wasserfall, der unaufhörlich den gewaltigen Berg runtersprudelt. Gleichzeitig schäme ich mich regelmäßig dafür, dass ich mich und diese Beeinträchtigung so wichtig nehme, während ich ansonsten doch ein privilegiertes Leben führen kann. Mein Bericht hat meine Mutter sehr berührt. Sie fühlt sich schuldig. Hätten wir noch mehr tun können, als du klein warst? Das ist der Punkt, wo ich protestieren muss: nein, es war genau richtig, was ihr getan habt. Niemanden trifft irgendeine Schuld. Und schon reden wir wieder so, als ginge es um einen Makel, für deren Verursachung jemand zur Verantwortung gezogen werden muss. Was sind wir doch alle gefangen in unserem tradierten Sprachkorsett.

Die Büchse der Pandora (oder: wie alles begann)

Denn meine Kindheit war wirklich schön. Ich wuchs behütet, aber mit vielen Freiheiten auf. Statt strikten Regeln zu folgen, sollten mein Bruder und ich früh daran gewöhnt werden, selbstständig zu denken und selbstbewusst zu handeln. Als ich etwa zweieinhalb war, kam ich mit Fieberkrämpfen ins Krankenhaus. Besuch über Nacht war nicht erlaubt, also blieb ich wohl oder übel alleine zurück. Eines Morgens schrie ich — wohl vor Schmerzen — wie am Spieß, als meine Mutter gerade ankam. Heute vermutet sie, das sei Tag X in meinem Leben: der Moment, an dem der Grundstein für mein Stottern gelegt worden sein könnte. Also ein traumatisches Ereignis, das dazu führte, dass die genetische Prädisposition Gestalt angenommen hat. Wie die Büchse der Pandora, die irgendwann in jedem Fall geöffnet worden wäre. Es brauchte nur diese eine Hebelumlegung. Aber das sind nur Mutmaßungen, müßige noch dazu. Ich habe natürlich keine wirkliche Erinnerung mehr an diese Zeit, aber auf Fotos wirke ich sehr glücklich.

Und dann ist da noch dieses Video aus meinem vierten Lebensjahr. Wir waren in einem Ferienhaus irgendwo im Hunsrück. Breit lächelnd laufe ich durch die Küche, wobei mich ein Freund der Familie filmt. Mir ist anzusehen, dass mir tausend Gedanken durch den Kopf schießen, die ich alle gern loswerden möchte. Mit den Armen gestikuliere ich wild zur Unterstützung, mein ganzer Körper ist in freudiger Aufruhr. Nur die Worte, sie stocken. Ich kriege keinen vollständigen Satz heraus. Ständig blockiert etwas in meinem Rachen, die Zunge verhaspelt sich. Immer wieder setze ich neu an, dehne Worte, wiederhole einzelne Buchstaben. Das Ganze klingt wie Kauderwelsch: es ist nahezu unverständlich. Lange Zeit konnte ich mir dieses Video nicht anschauen, ohne dass sich mir dabei nicht der Magen umgedreht hätte. Ich habe mich furchtbar geschämt und dieses kleine sich quälende Mädchen tat mir unendlich leid. Wieso erlöst es niemand? Warum um Himmels Willen soll diese skurrile Szene für die Nachwelt festgehalten werden, indem jemand eine Videokamera auf das Kind gehalten hat?

Mit welcher Leichtigkeit und Gleichgültigkeit die kleine Daniela da trotzig-kampfeslustig in die Kamera lächelt und einfach drauf los plappert. Und wie schnell diese Unbedarftheit einer selbstzerstörerischen Kraft gewichen ist, je älter ich wurde.

Heute bin ich froh über die Dokumentation dieses Augenblickes. Und ich habe erst jetzt den Blick für’s Detail, so als hätte mir jemand eine Lupe gegeben, mit der sich das Bild in gestochen scharfer Auflösung zu erkennen gibt. Deshalb erkenne ich: ich lächle unentwegt, selbst in den für außenstehende Betrachter kaum auszuhalten Sequenzen völliger Verkrampftheit. Mein Mund will die Worte nicht preisgeben, aber der Kopf weiß genau, was er will, also bleibt das kleine Mädchen stoisch. Ich sehe keine Gequälte mehr, sondern eine Kämpferin, die nicht aufgibt. Sie erzählt und erzählt und erzählt. Auch heute fällt es mir noch schwer, ihre (meine) Sätze zu entschlüsseln. Aber darauf kommt es nicht an. Das Entscheidende dabei ist für mich die Botschaft, die aus jeder Pore ihres Körpers dringt: ich will und ich kann. Anfang 30 musste ich werden, bis ich dieses Video ohne jeden Selbstscham gucken konnte — dasselbe gilt im Übrigen auch für “The King’s Speech” — und Stolz empfinden konnte. Auf meinen Weg, meine Erfolge, meine Resilienz. Mit welcher Leichtigkeit und Gleichgültigkeit die kleine Daniela da trotzig-kampfeslustig in die Kamera lächelt und einfach drauf los plappert. Und wie schnell diese Unbedarftheit einer selbstzerstörerischen Kraft gewichen ist, je älter ich wurde.

Etwa zur gleichen Zeit der Videoaufnahme gingen meine Eltern zum ersten Mal mit mir zur Logopädin. Wenn ich das Vorher — zur Zeit des Videos — mit dem Danach vergleiche, muss ich schon sagen: da liegen Welten zwischen, die Sprechtherapeutin hat ganze Arbeit geleistet. Meine Sätze wurden flüssiger und die Abstände zwischen den Dehnungen und Unterbrechungen länger. Einen großen Anteil an meinen Fortschritten hatten sicher auch meine Eltern, die mich immer haben machen — und vor allem: reden — lassen und mein drei Jahre älterer Bruder, der heroisch für mich eingestanden ist, wenn ein anderes Kind zum Hänseln ansetzte. Im Grunde ist es zu Letzterem aber nie wirklich gekommen. Ich weiß nicht, ob mein tapferer Beschützer sie eingeschüchtert hat oder ob sie bald schon die Lust verloren, sich an mir abzuarbeiten. Damals hatte ich noch ein dickes Fell und eine Mädchenclique, dank derer ich wohl davor gefeit war, zur stigmatisierten Außenseiterin erklärt zu werden. Auf meinem allerersten Grundschulzeugnis steht geschrieben: “Trotz deines Sprachfehlers erzählst du oft und gern” — das Wie war einfach nicht wichtig, und am Was mangelte es mir nie.

Die logopädische Förderung, die frühe Erfahrung von Akzeptanz, ein liebevolles Zuhause, feste Bezugspersonen außerhalb der Kernfamilie — das alles hat mich in meiner sprachlichen Entwicklung unterstützt und mich darin bestärkt, mich wohlzufühlen in meiner Haut (soweit sich Kinder dessen bereits bewusst sein können). Hätte ich nie diese unterstützende Ausgangsposition gehabt, ich wüsste nicht, inwiefern sich diese ersten prägenden Jahre meiner Kindheit nicht vielleicht anders entwickelt hätten. 
 Dennoch: je schwächer meine Symptome wurden, desto mehr schrumpfte auch mein Selbstbewusstsein zusammen. Mit jedem Lebensjahr bin ich mir meiner mehr und mehr gewahr geworden, habe erkannt, dass ich anders bin als meine Kamerad:innen um mich herum. Und auch wenn meine Familie mich das nie hat spüren lassen, nimmt die äußere, den sicheren Ort des Zuhauses umgebende Umwelt eine immer größere Rolle in der Wahrnehmung des eigenen Ichs ein. Indem ich mich mit Gleichaltrigen ganz instinktiv verglichen habe, wurde Sprache zu etwas Übergroßem, das fortan alles in meinem Leben bestimmte. Besonders fasziniert war ich von Kindheitstagen an immer von den Menschen in meinem Umfeld, die sich besonders gut und scheinbar mühelos ausdrücken konnten. Diese an anderen beobachtete Fähigkeit wurde zu einer Obsession, von der ich wusste, dass ich sie niemals selbst erlangen würde. Dadurch stellte ich deren Träger:innen auf ein Podest und verklärte sie; ich stand mit ihnen in ewiger Konkurrenz, wohlwissend, dass ich meine sichere Niederlage niemals abwenden konnte. Damit fingen die inneren Kritiker an, sich fortwährend zu melden. Sie übermannten mich, zogen mich runter und wollten mir einreden, ich sei weniger wert als die anderen. Während ich mich für von der Gesellschaft Benachteiligte engagierte und vor Mitgefühl und ehrbaren Überzeugungen nur so strotzte, wurde ich mir selbst zur ärgsten Feindin. Es fiel mir unendlich schwer, mich zu akzeptieren, wie ich war.

Wortreihung-Stakkato, wie aus der Maschinenpistole: Irgendwann habe ich bemerkt, wie sehr es mir hilft, mein Sprechtempo derart zu erhöhen, dass ich einfach über die schwierigen Wörter hinwegfege. Ich wurde zur Meisterin des scheinbar flüssigen Sprechens, denn je schneller ich sprach, desto unerkennbarer wurde mein Stottern. Es ging gewissermaßen unter in der Kombination aus undeutlichem Nuscheln und Wortreihung-Stakkato in der Geschwindigkeit einer Maschinenpistole. Diese bald verinnerlichte und perfekt beherrschte Strategie bedeutete jedoch Fluch und Segen zugleich. Während mir das schnelle Sprechen einerseits eine zumindest gefühlte Autonomie über meine Wortwahl zurückgab und ich damit wieder ausdrucksstärker und -freier wurde, so handelte es sich dabei letztendlich um eine Farce: die schwierigen Wörter hörten weder auf, mich vor Herausforderungen zu stellen, noch stellte ich mich ihnen wirklich entgegen. Ich redete mir ein, ich entleerte sie schlichtweg ihrer schweren Bedeutung und nahm mir selbst die Angst vor ihnen, indem ich sie gewissermaßen überrannte. Aber ich tat das aus einer Position der Defensive heraus, ich richtete mich nicht etwa vor ihnen auf und sah ihnen selbstbewusst und meiner Selbst bewusst in die Augen. Mein Vorgehen war alles andere als angstbefreit, das spürte ich auch an den Reaktionen meines Körpers, die zeitgleich zum Hochgeschwindigkeitssprechen eintraten: meine Atmung war kurz, unkontrolliert und fand ausnahmslos in Rachen und Brustraum statt. Dadurch spannte ich sämtliche Muskelpartien in Gesicht, Nacken und Schulter über die Maßen an, was sich wiederum darauf auswirkte, wie ich Luft holte und sie mir einteilte — nämlich gar nicht.

Ich fühle mich resigniert, aber nicht entblößt; der Kampf um Tarnung kann weitergehen, the show must go on — ganz gleich, welchen Preis ich dafür im Endeffekt zahlen muss.

Das Hauptaugenmerk lag einzig und allein auf den schwierigen Wörtern, und sobald ich das Hindernis überwunden hatte, schnappte ich nach Sauerstoff, so als hätte ich gerade die Zielgerade eines Marathons hinter mich gebracht. Ich verbaute mir selbst die Möglichkeit, in einen Atemrhythmus zu kommen, der mir genügend Luft und Ruhe für ein gesunderes Sprechen im Einklang mit dem Rest meines Körpers bieten würde.

Das schnelle Sprechen war zu einem Wesensmerkmal geworden, bald unterschied mein Gehirn nicht mehr zwischen heiklen Wörtern und in der Regel problemlosen Passagen. Ich ratterte meine Sätze herunter und stolperte nicht selten über meine eigene Zunge, die gar nicht mehr hinterher kam. Manchmal verschluckte ich ganze Silben und hoffte, am Ende würde es für mein Gegenüber trotzdem Sinn ergeben. Tat es häufig nicht: mit dem geschauspielerten stotterlosen Sprechen betrug ich nicht nur mich selbst, sondern erschwerte zusätzlich auch die zwischenmenschliche Kommunikation. Meine Gesprächspartner:innen konnten mir häufig nicht folgen, weil meine Sätze aufgrund des Tempos undechiffrierbar wurden. Manchen gelang es, sich einzelne Wörter, über die ich hinweggeflogen war, aus dem Kontext zu erklären. Je regelmäßiger der verbale Austausch mit mir, desto routinierter der Umgang und erfolgreicher die Entschlüsselung meiner Beiträge — beispielsweise im Fall von Familienangehörigen. Für Außenstehende jedoch blieben viele meiner Sätze vermutlich unverständlich. Was die Kommunikation noch erschwerte, war die zurückhaltende und taktvolle Höflichkeit meines Gegenübers. Um mich nicht zu beschämen, baten Menschen nur selten, Gesagtes noch einmal zu wiederholen, insbesondere wenn sich die Anzahl an unverständlichen Wörtern häufte. Und manchmal fühlten auch sie sich gewiss unwohl, ständig nachfragen zu müssen. Ab einem gewissen Punkt taten sie dann also einfach so, als hätten sie alles verstanden, was dazu führte, dass sie dann in derselben Unterhaltung Fragen stellte, deren Antwort sie eigentlich bereits hätten kennen müssen — hätten sie meinen Aussagen zuvor folgen können. Natürlich weise ich meine Gesprächspartnerin nicht darauf hin, denn sie kann ja nichts dafür, ich bin ja schuld daran, dass die Kommunikation gestört ist. Das Gefühl, das in solchen Momenten in mir aufsteigt, lässt sich am ehesten mit Resignation beschreiben. Aber wenigstens handelt es sich beim schnellen Sprechen um ein Phänomen, das prinzipiell erst einmal jeden treffen kann, und mag sie noch so ausgeprägt und damit Gesprächs-behindernd sein. Jede kommunizierende Person spricht manchmal schnell, aus Nervosität, Angst oder Ärger. Mit dem schnellen Sprechen entlarve ich mich nicht als Stotternde, ich oute mich nicht. Ich glaube, darum war es mir unterbewusst gegangen, als ich es mir zu eigen gemacht habe. Ich fühle mich resigniert, aber nicht entblößt; der Kampf um Tarnung kann weitergehen, the show must go on — ganz gleich, welchen Preis ich dafür im Endeffekt zahlen muss.

Die ewige Sinnfrage: wieso ausgerechnet ich?

Irgendwann erreichte ich den Punkt in meinem Leben, an dem ich dem Stottern einen weniger prominenten Platz einräumen wollte. Die Einlösung dieses Vorsatzes ist bis heute starken Schwankungen unterworfen. Aber die wachsende Bedeutung, die ich dieser unliebsamen Seite an mir zwischen dem Teenageralter und dem Erreichen des 30. Lebensjahres zugewiesen habe, ist einem befriedenden Arrangement gewichen. Ich habe mich weitestgehend arrangiert mit dem, wer ich bin und was ich habe, was ich nicht bin und nicht habe — auch wenn mich manchmal noch immer die Sinnfrage quält: wieso ausgerechnet ich? Mein Bruder, der potenziell dieselbe genetische Disposition in sich trägt und noch dazu männlich, also laut Statistik anfälliger sein müsste, spricht nämlich flüssig.

Das Stottern als Makel, Denken im Konjunktiv: was wäre (gewesen), wenn…?Wäre ich beruflich viel erfolgreicher oder dort, wo ich immer sein wollte, weil ich mich weniger vor Redeauftritten gedrückt, in der Uni bessere Prüfungsleistungen erbracht und mich öfter mal selbstbewusst in die erste Reihe gestellt hätte? Ganz abwegig sind diese Überlegungen nicht. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, das makel- und stigmabehaftete Stottern hätte nicht immerzu ein Wörtchen mitzureden gehabt. Als Agglomerat bestehend aus kleinen und größeren Teufeln saß es stets auf meiner Schulter, wenn wichtige Entscheidungen anstanden. Für so manche Tätigkeiten habe ich mich nicht beworben, weil ich den Namen des Arbeitgebers niemals hätte aussprechen können. Als Gründerin einer gemeinnützigen Organisation habe ich öffentlichkeitswirksame Networking-Möglichkeiten verstreichen lassen, weil mich der Gedanke an ein potenzielles Stotterereignis mit schierer Panik erfüllt hat.

Freundinnen heißen bestenfalls nicht Nathalie oder Saskia, ansonsten muss entweder schnell ein Kosename her oder die beiden werden fortan nur noch als “die Nathalie” oder “meine Freundin Saskia” vorgestellt.

Einige Male habe ich mich selbst ausgetrickst und mich ohne groß nachzudenken vor vollendete Tatsachen gestellt, mit denen ich mich dann später würde rumschlagen müssen. Das Erasmus-Semester ist so ein Beispiel. Relativ spontan und am Tag der Frist reichte ich meine Bewerbung ein, ohne Gelegenheit zu haben, mir den Kopf darüber zu zermartern, was bei positivem Bescheid auf mich zukommen würde. Die Zusage kam und die ersten Wochen im fremden Land waren der blanke Horror. (Dazu später mehr). Wenn ich erst darüber gegrübelt hätte, wäre ich nicht gegangen. Ich glaube, das hätte einen großen Verlust in meiner Biographie bedeutet, einer, der vermutlich auch weitere mit sich gezogen hätte.

Manchmal sind die inneren Teufel aber auch vor sozialen Zusammenkünften zugegen, bei denen ich im Vorfeld nicht sicher sein kann, wer kommen und welche Themen aufbringen würde. Wie oft bin ich einer Party ferngeblieben aus Angst, in eine Bredouille zu geraten. Smalltalk kann ich gut, da kann ich mir vorher gut zurechtlegen, was ich sagen möchte. Nervös werde ich bei Fragen nach Studien- oder Jobinhalten. Auch über weltpolitische Zusammenhänge lässt sich schlecht flunkern und Umschreibungen können ganz schön peinlich werden. Freundinnen heißen bestenfalls nicht Nathalie oder Saskia, ansonsten muss entweder schnell ein Kosename her oder die beiden werden fortan nur noch als “die Nathalie” oder “meine Freundin Saskia” vorgestellt. Denn Schwierigkeiten bereitet mir jeweils die erste Silbe dieser verflixten Namen; ein Umstand, der sich im Gespräch mit diesem einfachen Trick meist beheben bzw. umgehen lässt. Stottermodifikation ist der Übergriff für spezielle Techniken dieser Art, mit denen viele Logopäd:innen arbeiten und mit denen versucht wird, die jeweilige Blockade kontrolliert aufzulösen. Neben eingeschobenen Begriffen (in meinem Beispiel: die Artikel vor Namen) hauchen manche Stotternde zum Beispiel imaginäre Vokale vor das unaussprechliche Wort. Die zweite große Logopädie-Strömung ist die des Fluency Shaping, bei der ein weiches gebundenes Sprechen mit zeitgleicher Tempodrosselung geübt wird. Das kommt in Klang, Rhythmus und Redefluss einem Singsang sehr nah und ist deshalb ein effektives Tool, denn wir erinnern uns: beim Singen stottert niemand. Das Ziel dabei ist, später zu einer normalen, aber bewussteren Betonung zurückzukehren, die mit dem neu Gelernten angereichert ist. Das Fluency Shaping erfreut sich seit einigen Jahren einer größeren Beliebtheit, Krankenkassen bezuschussen mehrmonatige Online- und Telekurse, die von den Teilnehmenden überwiegend positiv bewertet werden. Das ist die positive Nachricht: es gibt heutzutage viele unterstützende Angebote, die ein stotternder Mensch in Anspruch nehmen kann. 
Aber da ist auch noch die andere Seite.

Über das Abweichen von der Norm

Auch wenn ich meinen Opa nicht mehr fragen kann, ob er vor fremden Menschen oder in für ihn nervenaufreibenden Momenten mehr gestottert hat, gehe ich stark davon aus. Mir geht es jedenfalls immer so, und ich denke, den meisten anderen Stotternden auch. Jede gute Vorbereitung (wie ich in der Café-Episode: ich habe mir die Beine in den Bauch gestanden und wusste eigentlich genau, was ich bestellen wollte), jede gelernte Atemtechnik, Meditation oder einstudierte Strategie, jeder guter Wille (“dieses Mal klappt’s”): wir alle stoßen trotzdem immer und immer wieder an unsere Grenzen. 

So als gäbe es ein Wundermittel, das jeden kurieren kann: von der Stotter-Krankheit.

Deshalb trügen die vielen auf den ersten Blick perfekten, weil fehlerfrei absolvierten Darbietungen, die sich u.a. auf YouTube tummeln — auch wenn ich den vortragenden Menschen den größten Respekt dafür zolle, dass sie sich auf eine Bühne stellen und über ihr Stottern sprechen. Allzu oft handeln diese Vorträge jedoch davon, wie es dem Präsentierenden gelungen ist, seine Redeflussstörung zu überwinden. So als gäbe es ein Wundermittel, das jeden kurieren kann: von der Stotter-Krankheit.

In den Traditionsmedien tauchen immer dieselben Prominenten auf, die es trotz Stotterns zu Berühmtheit gebracht haben: Bruce Willis, Marilyn Monroe, Rowan Atkinson alias Mr Bean, Ed Sheeran — und seit Kurzem eben auch immer öfter Joe Biden. Auch wenn ich die Intention dahinter ein Stück weit verstehen kann, warum man immer und immer wieder diese schillernden Exemplare bemüht, so sehe ich nicht direkt die konkrete Verbindung zwischen einer Hollywood-Schauspielerin des 20. Jahrhunderts und mir. Das Leben einer in der Öffentlichkeit stehenden Persönlichkeit hat mit meiner Lebenswirklichkeit vermutlich nicht viel gemein. Gewiss, es darf sie eine gehörige Portion Mut und viel Durchhaltevermögen gekostet haben, sich als stotternde Frau in einer bis dato noch stark männlich dominierten Domäne zu bewähren. Wie Tom kann auch eine Marilyn stolz auf sich sein, allen Widrigkeiten zum Trotz ihren Traum der darstellenden Kunst verfolgt und zu einer der bedeutendsten Schauspielerinnen aller Zeiten geworden ist. Dafür zolle ich ihr meinen tiefsten Respekt. 

Aber ich stehe nicht auf der Bühne oder vor der Kamera und ich bin auch kein Popstar. Das mag es auf den ersten Blick natürlich alles erleichtern, denn ich muss nicht vor tausenden Fans auftreten oder etliche Schleifen drehen, bis dann die gewünschte Szene im Kasten ist. Meine Stotterepisoden entstammen ganz mondänen, beinahe langweiligen Kontexten: Meetings im Büro, Anrufe beim Finanzamt, Unterhaltungen im Freundes- und Bekanntenkreis zu Themen unterschiedlicher Art. In vielen Fällen kann ich mir den für mich besten Zeitpunkt (ich bin ausgeschlafen, mental gestärkt — ich habe eine “gute Phase”) aussuchen, die geeignete Präsentationsform wählen und den ausnahmslos mit sagbaren Wörtern bestückten Redebeitrag vorbereiten. Wann immer das nicht geht, schnellt meine Herzfrequenz in die Höhe und ich beginne, stark zu schwitzen: mein Körper ist in Alarmbereitschaft. Ob und wie Marilyn Monroe Alltagssituationen wie diese erlebt und gemeistert hat, weiß ich nicht. Natürlich möchte ich nicht einem rigiden Drehbuch folgen und feststehende Sätze rezitieren müssen; Vorlesen ist so mit das Schlimmste im Leben eines stotternden Menschen. Freestyle schauspielern wiederum kann Betroffenen ungeahnte Möglichkeiten bieten, sich sprachlich auszuprobieren und zwischenmenschlichen Begegnungen spielerisch und ohne Druck zu begegnen. Das Aus-der-Rolle-Schlüpfen ermöglicht es Stotternden, sich und das eigene Verbalisieren einmal ganz anders wahrzunehmen und den Fokus vom omnipräsenten Sprechen auch mal auf nonverbale Kommunikationsformen — Mimik, Gestik, Körperbewegungen — zu verschieben. Inwieweit Marilyn eigene sprachliche Gestaltungsfreiräume nutzen durfte, ist nicht überliefert. Schaut man ihre Filme, ist ihr Stottern nicht zu erkennen.

Womit ich zum zweiten Punkt der medialen Darstellung von stotternden Menschen komme, und beginnen möchte mit Joe Biden. Ich habe es eingangs bereits erwähnt: der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika geht ganz offen mit seinem Handicap um. Inwieweit kann ein stotternder US-Präsident, der mit seiner Beeinträchtigung scheinbar ganz entspannt umgeht, ein positives Signal senden und für das Aufbrechen verkrusteter und vorurteilsbehafteter Strukturen stehen?
Die Tatsache, dass eine renommierte Wochenzeitung wie die ZEIT einen Beitrag im Januar 2021 mit dem aufrührerischen Titel “Wird Biden beim Amtsantritt stottern?” versehen hat, offenbart die Trennlinie, an der sich die öffentliche Debatte ausrichtet. Hier die Nicht-Stotternden, die das “Normale” markieren; dort die Stotternden, die “Anderen”. 
Wird es Biden also gelingen, die sprachlichen Falltore zu passieren und ins genormte Reich der unbeeinträchtigten Redenden vorzudringen? Keine leichte Aufgabe, die noch dadurch erschwert wird, dass Millionen Menschen gespannt verfolgen werden, wie sich der Prüfling schlagen wird. Inhalte? Anscheinend nebensächlich. Der Erfolg oder Misserfolg des frisch gebackenen Präsidenten wird sich einzig und allein daran messen lassen müssen, ob er in der Lage sein wird, seine Botschaft dem Amt angemessen zu überbringen. Wird er stottern — oder wird es ihm gelingen, seinen Makel zu überwinden, wie man es von einem derart einflussreichen Würdenträger doch bitteschön erwarten darf? Es mag nach drastischer Polemik klingen, einige werden mich der Übertreibung bezichtigen. Aber ganz gleich, welche persönliche Einstellungen und Ansichten für Ihr Urteil ausschlaggebend sind: Fakt ist, dass das Stottern in seinen Ausprägungsmerkmalen und Symptomen als etwas vom Soll-Zustand Abweichendes gesehen wird, das es zu korrigieren gilt.

Der stotternde Präsident Joe Biden und seine Schwarze Vizepräsidentin Kamala Harris: Ihre Andersartigkeit wird zum alles definierenden Moment verklärt, an dem sie sich auf ewig werden messen lassen müssen.

Seit seinen öffentlichen Auftritten im Rahmen seiner Präsidentschafts-Kandidatur kommt Bidens Stottern immer wieder zur Sprache; der ZEIT-Artikel war für mich der Gipfel des Ganzen: ein deutsches Qualitätsmedium, das sich traditionell gegen Diskriminierung richtet und für eine liberale, heterogene Gesellschaft einsetzt, knüpft unverhohlen an die (wie ich finde: schmutzige) Rhetorik des amerikanischen Wahlkampftheaters an — wird Joe Biden beim Amtsantritt stottern? In der medialen Darstellung der Vizepräsidentin Kamala Harris ging — und geht — es immerzu um ihr Schwarzsein, Inhalte zweitrangig; bei Joe Biden drehte sich von Beginn an viel darum, ob er als Stotternder ein erfolgreicher Präsident würde sein können — angefangen mit seiner Rede zum Amtsantritt. Seine Andersartigkeit wird zum alles definierenden Moment verklärt, an dem er sich auf ewig wir messen lassen müssen: der stotternde Präsident Joe Biden und seine Schwarze Vizepräsidentin Kamala Harris.

Etwaigen Erklärungs- und Rechtfertigungsversuchen halte ich entgegen: es ist gut und längst überfällig, einen stotternden Menschen in dieser wichtigen Funktion zu sehen, genauso wie es gut und längst überfällig ist, eine Schwarze Frau im Vizepräsidialamt zu sehen. Es ist gut und längst überfällig, dass Menschen wie Kamala Harris und Joe Biden (dem man Unrecht tut, wenn man ihn auf sein Weißsein und sein Alter reduziert) politisch an Einfluss gewinnen. Nicht zuletzt zeigt sich damit auch ein Abbild der alles andere als homogenen Gesellschaft. Gleichzeitig wird jedoch das Anders-Sein erhöht, aus der Proportion gerissen und erhält dadurch immer mehr Gewicht. Das kann im Umkehrschluss nur dazu führen, dass diejenigen, die sich als “normal” (nicht Schwarz, keine Redeflussstörung) identifizieren, einen mitunter unüberwindbaren Gegensatz empfinden: wir und die anderen. In seiner Rede vor dem American Institute for Stuttering stottert Joe Biden nicht, jedenfalls nicht merklich. An einigen Stellen habe ich als geübte Vermeidungsstrategin und Weltmeisterin des Wortaustausches sein kurzes Innehalten registriert. Aber Joe Biden ist ein famoser Redner, er fügt einfach eine kurze Pause ein, fixiert hochkonzentriert, aber für den ungeschulten Blick nicht erkennbar, einen Punkt im Raum — bevor er seelenruhig weiterspricht. Vor diesem Hardcore-Ausdauer- und Resilienz-Training ziehe ich meinen Hut, denn dahin zu kommen, ist verdammt harte Arbeit. Aber genau darin liegt für mich das Problem.

Denn die Ökonomisierung unserer den Gesetzen des schnelllebigen Kapitalismus gehorchenden Zeit ist ein weiterer Faktor, der unsere Sprech(un)fähigkeit bedingt.

Wir werden medial in erster Linie mit solchen Stotternden konfrontiert, die sich zu wahren Sprachwundern gemausert haben und diesen Erfolg in Szene setzen. Wie oben skizziert, sind TEDx-Veranstaltungen eine beliebte Plattform dafür. Auf großer ausgestrahlter Bühne stehen dann häufig Vortragende, denen weder etwaiges Lampenfieber anzumerken ist, noch die fleischgewordene Veranschaulichung ihres Präsentationssujets: sie zeigen in der Regel wenige bis gar keine Stottersymptome. Und genau darum geht es dann auch meistens in den Beiträgen. Sie sollen — wie auch Bidens Auftritt — Mut machen und die vielen unergründlichen Wege veranschaulichen, auf denen sich die Redeflussstörung wenn vielleicht nicht wegzaubern, dann aber zumindest super in den Griff bekommen lässt. Die betroffenen Zuschauenden sollen staunen und sich denken: Na also, geht doch, dank dieses bravourösen Vorbildes strenge ich mich jetzt erst recht an!

Ich bin da gespalten. Auf der einen Seite möchte ich den Wert der individuellen Leistung der Vortragenden nicht mindern und kann mir durchaus vorstellen, dass dieser Auftritt eine kathartische Wirkung entfalten kann. Schließlich ist der innere Schweinehund nie größer als in diesem Moment, wo es gilt, vor Publikum und noch dazu unter einem gewissen Zeitdruck zu sprechen. Denn die Ökonomisierung unserer den Gesetzen des schnelllebigen Kapitalismus gehorchenden Zeit ist ein weiterer Faktor, der unsere Sprech(un)fähigkeit bedingt. Wo minuten- oder gar sekundengenaue Punktlandungen gewünscht und in manchen Fällen zwingend notwendig sind, um das strukturgebende Zeitengebilde nicht zum Einstürzen zu bringen (etwa bei Radiointerviews, die in Sendeformate integriert und minutiös vor und nach den Nachrichten getaktet werden müssen), ist das Stottern als unkalkulierbare Variable ein potenzielles Störfeuer. Zeitsensible Jobs und Aufträge wurden auf diese Weise dann auch schon mal anderen gegeben — uns Stotternden zuliebe, versteht sich. Vielleicht lag das Stottern aber auch einfach nur viel zu lange in der Mottenkiste vergraben, sodass eine Moderatorin mit Redeflussstörung unter Umständen der Reputation der Unternehmung etwas würde anhaben können (“Inklusion hin oder her, aber von einer Moderation erwarte ich dann aber schon, dass Debatten eloquent, wortgewandt und zielsicher geleitet werden”). An dieser Stelle folgender Disclaimer: es geht dabei nicht darum, Stotternde nach einem Quotenprinzip zu “ermächtigen”. Vielmehr wünsche ich mir gelebte Integration und Gleichstellung — durch bewusste Neglektion. Wenn wir die Ebene der persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten einmal verlassen, stehe ich Präsentationen wie oben beschrieben, d.h. von in den gesamten 15 Minuten nicht-stotternder Stotternder, eher skeptisch gegenüber.

Indem sich die Protagonisten auf der Bühne an Maßstäben ausrichten, die das “Normale” heiligen, legitimieren sie zwangsläufig die tradierten, von Nicht-Stotternden aufgestellten Regeln.

Der Grund für meine zurückhaltende Begeisterung ist simpel: obgleich ich ihnen eine gewisse Motivationsfunktion (sowohl beim Sendenden als auch beim Empfangenden) nicht absprechen möchte, wird uns anderen Stotternden wie auch der Öffentlichkeit etwas vorgegaukelt. Dass es über kurz oder lang jedem Betroffenen so gehen wird, dass er oder sie sich auf eine Bühne stellen und stotterfrei eine Viertelstunde lang vor fremden Leuten referieren können wird. Ach so, und das Ganze wird dann im Nachhinein auch noch für alle Ewigkeit auf einschlägigen Social Media-Plattformen abrufbar sein, aber hey, no pressure: jeder stotternde Mensch ist dazu in der Lage — wenn er/sie sich nur genug Mühe gibt, eifrig an unterschiedlichen Techniken werkelt und sich dann zusammenreißt, wenn es drauf ankommt.

Aber dem ist nicht so, und deshalb ist die Botschaft dieser im Netz kursierenden Vorträge so irreführend, gar gefährlich: sie suggerieren — uns Betroffenen wie auch nicht-betroffenen Zuschauenden –, dass es sich beim Stottern um eine beherrschbare und einzudämmende Laune der Natur handle und dass diejenigen, denen es nicht gelingt, so schön und frei und deutlich wie die TEDx-Absolvierende zu sprechen, selbst Schuld seien: Das Stottern wird von einem unheilbaren genetischen Faktum zu einer Frage von Meritokratie. Vielleicht ist mein Nachbar einfach immer zu angespannt und sollte sich mal locker machen, und dem Kind von der Anne würde ein bisschen mehr ruhiges Atmen guttun.
Solche Videos animieren nicht etwa dazu, selbstbewusst zu stottern und zu unserer Identität als stotternder Mensch zu stehen — etwas, was beispielsweise Selbsthilfegruppen und logopädische Behandlungen erreichen möchten: sie wollen bestärken und empowern und so den Weg hin zu einem selbstbestimmten und würdevollen Leben mit dem Stottern ebnen. Die Signalwirkung dieser Videos hingegen ist aus meiner Sicht verheerend, weil sie ebenjenen Identifikationsprozess mit dem eigenen Ich erschweren und Selbstakzeptanz verhindern. Indem sich die Protagonisten auf der Bühne an Maßstäben ausrichten, die das “Normale” heiligen, legitimieren sie zwangsläufig die tradierten, von Nicht-Stotternden aufgestellten Regeln unserer Umwelt — und tun weder sich selbst noch uns Stotternden damit einen Gefallen. Wir haben es uns als Gesellschaft darin bequem gemacht, uns mit gewissenhafter Regelmäßigkeit “Mehr Diversität“ auf die Fahnen zu schreiben; aber wenn es drauf ankommt, geht es meist nur darum, möglichst nicht weit von der Norm abzuweichen. 

Die gute Nachricht ist: Immer öfter tauchen mittlerweile auch Videos von Menschen auf, die selbstbewusst stottern und sich dadurch dem System entziehen. Noch hoffnungsvoller stimmen mich Betroffene aus Politik, Medien und Gesellschaft, deren Beiträge — sei es im Rahmen von ebensolchen Formaten wie TEDx oder in anderen audiovisuellen Foren — ihr Stottern gar nicht zum Thema machen. Die Kommentarleisten offenbaren dann zwar, inwieweit dies gesellschaftlich sehr wohl noch erwähnenswert scheint; aber je authentischer damit seitens der Stotternden und ihrer Gesprächspartner:innen umgegangen wird, desto weniger stigmabesetzt wird das Stottern auf Dauer sein. Sobald es uns gelingt, das Stottern als etwas Selbstverständliches — und nicht als etwas außerhalb der Norm Liegendes — zu begreifen, wird es keiner Erfolgsgeschichten von self-made Redechampions mehr bedürfen.

Wir auf Tuchfühlung mit uns selbst — und mit unserer Umwelt

Aber soweit sind wir noch nicht. Gehen wir also nochmal einen Schritt zurück, und beginnen möchte ich mit einem Geständnis: auch ich bin schon öfter in die Falle getappt, meinem Stottern negativ konnotierte Begriffe zuzuordnen. Lange Zeit habe ich von meinem Sprachfehler gesprochen. Ein Fehler ist ein Defekt, etwas, das repariert werden muss, um wieder einwandfrei zu funktionieren. Und was irreparabel ist, wird in der Regel ersetzt. Indem ich mein Stottern semantisch einem fehlerhaften Gegenstand gleichgesetzt und es damit verdinglicht habe, konnte ich gar nicht anders, als auch mich selbst als Ganzes zu problematisieren. Während die Idiome Behinderung oder Beeinträchtigung den Fokus auf eine äußere, nicht zu beeinflussende Kraft legen (“Sie ist am flüssigen Sprechen gehindert”; “Etwas beeinträchtigt ihn in seiner Sprechweise”), suggeriert Fehler, dass etwas nicht stimme und die betreffende Person es selbst in der Hand habe, etwas dagegen zu unternehmen. Dabei geht es mir nicht darum, als Sprachpolizei zu fungieren. Ich bin der Ansicht, stotternde Menschen sollten genau diejenige Bezeichnung wählen, die ihnen am besten zusagt — genauso wie Rollstuhlfahrer:innen, Blinde und andere Personen, die sich selbst oder zugeschriebenermaßen als nicht-normal verstehen.

Wie oft habe ich mir gewünscht, ich hätte eine andere Beeinträchtigung, eine sichtbare. Dann müsste ich mich nicht verstellen, denn dann wäre alles auf Anhieb geklärt und ich hätte gar keine Chance gehabt, mich für jemand anderen auszugeben. Um eins klarzustellen: ich möchte das Stottern nicht überhöhen oder überdramatisieren, keine Bewertungen von Behinderungen vornehmen und auch nicht die Herausforderungen kleinreden, denen sich Betroffene ausgesetzt fühlen. Natürlich bin ich befangen und das Gras ist grüner auf der anderen Seite. Auch das ist Teil der learning journey, auf der ich mich befinde. Wann sie begonnen hat, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Als das Stottern anfing, war ich mir dessen natürlich noch nicht bewusst. Erst mit Eintritt in die Schule gelang die Tatsache in mein Bewusstsein, dass ich anders sprach, dass ich Schwierigkeiten hatte, meine vielen Gedanken hintereinander zu artikulieren, ohne ins Schlittern zu kommen. Je älter ich wurde, umso einschneidender habe ich das Stottern wahrgenommen. Es beeinträchtigte mich darin, mich sicher in den von der Gesellschaft etablierten Strukturen zu bewegen und gemäß der soziokulturellen Norm der zwischenmenschlichen Kommunikation zu funktionieren. 

Die Sprache als kulturelles Gut und wichtiges Instrument, das den Austausch zwischen Individuen und Gruppen ermöglicht und damit Sinn und gegenseitiges Verständnis stiftet — für mich ist sie aufgeladen mit einer Vielzahl von ambivalenten Emotionen. Sprache fördert oder verhindert Teilhabe, sie spielt eine bedeutende Rolle bei der Identitätsfindung und -bildung, sie ist nicht wegzudenken aus sämtlichen Interaktionen des Alltags. Ich liebe die geschriebene Sprache für ebendiese Fähigkeiten: ich kann mich durch sie ausdrücken und mein Innerstes beschreiben, sie bietet mir eine Projektionsfläche, um mich als Ganzes zu begreifen — als vollständig (whole) trotz oder gerade aufgrund meiner Beeinträchtigung.Wenn ich schreibe, dann bin ich, pur und echt und ohne jede Farce. Für andere ist es das Singen oder Malen, Schwimmen oder Gitarrenspielen. 

Das Schreiben hingegen ist das einzige Mittel, das diese Grenzen auflösen kann. Wenn ich schreibe, dann bin ich, pur und echt und ohne jede Farce.

Mit der gesprochenen Sprache verhält es sich diametral anders, hier regiert die Ambivalenz: weder kann ich mich durch sie in vollkommener Weise ausdrücken, noch gelingt es mir, mich zweifellos zu identifizieren mit der Person, die spricht. Gewiss, ich kann meine Gedanken ausreichend formulieren, wobei mir die erlernte Strategie des Vermeidens und Ersetzens zu Hilfe kommt; darüber hinaus erkenne ich, dass ich es bin, die spricht. Aber das Innen und Außen sind nie ganz deckungsgleich, ich stoße immer wieder an Grenzen, die mich daran hindern, mein Empfinden und Wissen mit dem Verbalisierten in Einklang zu bringen. Das Stottern ist zu dem wichtigsten Definitionskriterium dafür geworden, wie ich mich selbst wahrzunehmen vermag. 

Das Schreiben ist das einzige Mittel, das diese Grenzen auflösen kann.
Ich habe dann (sogar) was mit Medien (und viel Kommunikation) studiert, Praktika absolviert, bei denen ich den ganzen Tag reden musste, ein Erasmus-Semester in Frankreich hinter mich gebracht, obwohl das Stottern in Fremdsprachen noch hundertmal schlimmer ist (größere Anspannung; es fehlen Übung und Vokabular, um Wörter auszutauschen). Eine mexikanische Kommilitonin hat mich an der Universität von Nantes dann im Übrigen “meine Chinesin” getauft, weil meine Versuche, Französisch zu sprechen, ihrer Meinung nach so abgehackt wie Mandarin klängen. Vom implizierten Rassismus ihrer Aussage einmal abgesehen, hat es mich natürlich sehr getroffen, mit welcher Boshaftigkeit sie auf meine mühsamen Anstrengungen reagierte, diese auch schon für gesunde deutsche Zungen herausfordernde Sprache zu bezwingen. Sie wusste nicht, dass ich stotterte und die wohl merkwürdige Betonung meiner Silben zu großen Teilen darauf zurückzuführen war. Sie konnte nicht ahnen, wie druckbehaftet alles für mich war: vom Formen der Laute über das für jeden Lernenden nicht-romanischer Herkunft unintuitive Vokabular bis hin zur sinnvollen Satzkonstruktion, von Vortragssituationen oder Restaurantbesuchen ganz zu schweigen.

Stottersequenzen bringen sowohl den Stotternden als auch die Zuhörenden in eine unangenehme Situation. Das müssen wir aushalten, jede:r für sich.

Fremdsprachen stellen jede:n Schüler:in vor Herausforderungen; für Stotternde bedeutet das Führen einer Konversation in einer Sprache, die nicht die eigene Muttersprache ist, existenziellen Stress. Meine Kommilitonin war sich der unendlichen Schwere meines Seins nicht bewusst. Nur: das macht es leider nicht besser. Genauso wenig, wie Unwissenheit vor Strafe schützt, kann der weit verbreitete gedankenlose Umgang mit stotternden Menschen als humoristisches Intermezzo oder unterhaltsamer Fauxpas durchgehen, weil man es ja nicht wusste. Denn wo der Spaß nur als Einbahnstraße und unter Missachtung eines zumindest minimal respektvollen Verhaltenskodex funktioniert, scheint etwas schief zu laufen. 

Eine weitere Unart menschlichen Verhaltens, die uns Stotternden tagtäglich begegnet, ist die der ungefragten Vervollständigung unserer Sätze. Verankert in dem tiefen Glauben, dass unser:e Gesprächspartner:innen genau wissen, was wir sagen möchten und uns damit ja die Last nehmen, das vermaledeite Wort qualvoll ausspucken zu müssen, tönen sie munter und bevormundend drauflos, unterbrechen uns, berauben uns jeder Form von Handlungsfähigkeit (agency). Dabei lächeln sie uns zunächst mitleidig an, bevor sich ein Ausdruck von Großmütigkeit auf ihren Gesichtern zeigt, die vermutlich als Aufmunterung verstanden werden will: “Ist doch nicht so schlimm, ich helfe dir doch gern. Nur Mut, das nächste Mal kriegst du’s hin”
Und dann gibt es noch die Kategorie derjenigen Konversationstreibenden, die sich wahlweise dem dilettantisch-didaktischen oder pseudopsychologischen Ansatz im Umgang mit hilfsbedürftigen, mangelhaft sprechenden Subjekten verschrieben haben. Beliebte Appelle dieser Gruppen beziehen sich auf die vermeintlich fehlende Ruhe (“Gaaaanz ruhig, chill doch mal”) oder wollen zum gelassenen Atmen animieren. Es ist eben nur so: es ist nicht hilfreich. Ebenso wenig wie ungeduldiges Augenbrauenhochziehen, Stirnrunzeln oder Räuspern. Stottersequenzen bringen sowohl den Stotternden als auch die Zuhörenden in eine unangenehme Situation. Das müssen wir aushalten, jede:r für sich. 

Dabei weiß ich, wie schwierig das ist — aus eigener Erfahrung, wie folgende Anekdote verdeutlicht: 
Vom frühen Teenageralter an hatte ich mein Stottern ganz gut im Griff (auch wenn ich ja oben bereits beschrieben habe, inwiefern dieses Im-Griff-Haben als Fluch und Segen zugleich bewertet werden kann). Ich hatte damals keinen Kontakt zu anderen Stotternden; meine logopädische Behandlung hatte mit dem Schulbeginn geendet und außer meinen Großvater kannte ich eigentlich niemand anderen, der mit dem Sprechen Probleme hatte. Mir hat das auch nicht gefehlt. Unbewusst habe ich vermutlich auch versucht, diesen Teil von mir möglichst weit von mir zu schieben und mich so gut es geht in meinem pubertären Dasein einzurichten. Damit hat ja weiß Gott jeder heranwachsende Mensch schon genug zu tun. Jedenfalls habe ich mich ganz gut durchgeschlagen und wendete meine Strategien bzw. Sekundärsymptome mehr oder minder erfolgreich an. Eines Tages traf ich im Bus auf einen alten Schulkameraden meines Bruders. Nennen wir ihn Tom. Tom muss damals etwa 16 gewesen sein; ein großer, immerzu freundlich lächelnder junger Mann. Als ich einstieg, winkte er mir zu und ich setzte mich auf den freien Platz gegenüber. Der Bus war gut gefüllt, es war früher Abend, rush hour. Nachdem wir uns begrüßt hatten, holte Tom Luft und begann, eine Geschichte zu erzählen. Es ging um einen Familienurlaub, wenn ich mich recht erinnere. Aber das ist im Prinzip nebensächlich, das Wie ist viel entscheidender: Tom stotterte auch, und zwar sehr. Dazu hatte er eine laute grelle Stimme. Bald wurde der gesamte Bus auf ihn aufmerksam, einige starrten zu uns herüber. Ich wurde nervös, ja schämte mich sogar ein bisschen und hoffte auf ein Wunder, das Tom unvermittelt in einen begnadeten Redner verwandeln würde. Nichts dergleichen geschah. Tom sprach genauso weiter und nichts ließ darauf schließen, dass er damit in absehbarer Zeit aufhören würde. Dann geschah, was mir in solchen Momenten immer widerfährt: ich verglich mich mit ihm (“Ist das bei mir auch so — oder noch schlimmer?”). Und fühlte, wie sich Erleichterung in mir breit machte, als ich den klandestinen, geschmacklosen Wettbewerb gewann. Neben den üblichen, bei Tom durchweg stark ausgeprägten Primärsymptomen — dehnen, wiederholen, pressen — kniff er die Augenlider fest zusammen, wann immer er über ein Wort stolperte. Er atme sichtlich schwer, ballte manchmal die Fäuste zusammen — und strahlte trotzdem eine solche Ruhe und Selbstsicherheit aus, die mich wahnsinnig beeindruckte. Gleichzeitig schämte ich mich, dieses Mal aber über mich selbst und meine rückgratlosen Empfindungen. Dann empfand ich plötzlich Stolz. Ich war stolz auf Tom und seinen Mut und schwor mir, mir davon eine Scheibe abzuschneiden und das nächste Mal auch auf mich stolz zu sein. Für die anderen Passagiere hegte ich einen solchen Groll, dass ich sie am liebsten angefaucht hätte für ihr schamloses, sensationslustiges Gucken. Aus Angst vor einem eigenen Stotterereignis habe ich das dann nicht gemacht, so viel zu meinem beschworenen Stolz. 

In der Geschichte über Tom trifft die Menschen im Bus keine Schuld, zumindest keine alleinige. Klar, unverblümtes Starren und Kichern verbieten der gesunde Menschenverstand und der gute Geschmack — so wie die Passagiere sicherlich nicht über einen Rollstuhlfahrenden gelacht hätten. Neugierige Blicke hätte dieser Mensch vielleicht trotzdem geerntet, insbesondere in der skizzierten Episode aus den frühen 2000ern in einem ländlichen Kontext. Trotzdem, der Punkt, auf den ich hinaus möchte, ist der folgende: das Personal in Pflege und Pädagogik mal ausgenommen, sind wir als Gesellschaft nicht darauf vorbereitet und nicht sensibilisiert genug, mit Stotternden richtig umzugehen — daran hat sich auch 20 Jahre später nicht viel geändert. Richtig meint hier nicht, dass es eine Schablone gäbe, nur schwarz und weiß. Da ist auch viel im Dazwischen. Aber in den allermeisten Interaktionen zwischen Stotternden und Nicht-Stotternden sind diese Grauzonen noch unerforscht, unausgefragt und unausgesprochen. 

Wir müssen uns endlich von tradierten, verstaubten Ordnungs- und Klassifikationssystemen verabschieden, die vom “Normalen” ausgehen und erst das “Andere” produzieren und damit Ausgrenzung schaffen.

Wir müssen lernen, mit anders sprechenden Mitmenschen umzugehen. Das ist nicht leicht und für Ungeübte gibt es potenziell Fallstricke; so wie im Umgang mit allen Menschen, die nicht so sind wie wir. Deshalb ist es so wichtig, dass wir miteinander im Gespräch bleiben (im tatsächlichen Wortsinne und im übertragenen Sinne).

Zweifacher Perspektivwechsel

An welchem Punkt stehe ich heute? Das alles ist ein Prozess, der nicht den Gesetzen der Linearität verbunden ist. Noch immer lautet die Devise: zwei Schritte vor, einen zurück — und manchmal auch umgekehrt. Manche Wörter gehen nie, bei manchen stolpere ich ganz plötzlich; manchmal reihen sich mehrere gute, flüssige Tage aneinander, dann treten wieder mehrere Episoden mit irrsinnig großen Blockaden auf. Ich weigere mich, vor dem Stottern — und vor allem vor der Angst vor dem Stottern, die schier ohnmächtig machen kann — zu kapitulieren. Indem ich mich immer wieder in Situationen begebe, die mich mit höllischer Panik erfüllen, ein Portugiesischkurs zum Beispiel oder die Zusage, eine Rede zu halten. Aber die Angst frisst sich auch in die größeren Zusammenhänge. So fürchte ich mich vor dem Muttersein; davor, schon bei den kleinen Dingen, die zu erledigen sind (Behörden, Kindergarten, Elternsprechtage) zu scheitern; davor, dass das Kind sich eines Tages schämen könnte. 
Sich trauen, hinfallen, wieder aufstehen, weiterlaufen. Schriftsteller:innen und Kunstschaffende berichten von ganz ähnlichen Gedanken. Neulich habe ich mit “The War of Art” einen interessanten Essay gelesen. Darin beschreibt der Autor, wie viel Krampf und Kampf in der Produktion von Artefakten steckt, ganz gleich ob es sich dabei um Texte, Gemälde oder andere Erzeugnisse handelt, in denen Herzblut steckt und mit denen sich die Kunstschaffenden identifizieren; wie schwer es ist, weiterzumachen und sich nicht von den inneren Stimmen runtermachen zu lassen. Auch ich muss mich jeden Tag aufs Neue am Schopfe aus dem Sumpf ziehen: mach weiter, hör nicht auf, gib nicht auf

Mittlerweile habe ich einen Weg gefunden, wie das einigermaßen gelingen kann: ich habe die Perspektive gewechselt.
Das mag auf den ersten Blick intuitiv klingen, ist aber in der Umsetzung leichter gesagt als getan. Geholfen hat mir eine pseudowissenschaftliche Methode, die sich Neuro Linguistic Programming (NLP) nennt. Im Grunde zielt NLP auf ein re-framing ab: indem wir die Art und Weise ändern, wie wir über uns selbst denken und vergangene Ereignisse betrachten, erlangen wir die Kontrolle über unseren Geist zurück. Im Gegensatz zur Psychoanalyse, die sich auf das Warum konzentriert, liegt der Fokus bei NLP auf dem Wie. Wie können wir unsere verkrusteten Glaubenssätze über uns selbst aufbrechen und unsere Geschichte — wer wir sind und was wir können — neu erzählen? Robert Dilts’ Neurological Levels Model beispielsweise geht von fünf verschiedenen Ebenen in unserem Gehirn aus, die angesprochen werden müssen, um eine dauerhafte Verhaltensänderung herbeizuführen: die der Umgebung, die unseres Verhaltens, die unserer Fähigkeiten, die unserer Werte und Überzeugungen und schließlich die unserer Identität. Was tun wir wann, wo und mit wem, warum tun wir das und auf welche Weise — und wer bin ich in dieser Welt, indem ich dieses oder jenes tue? 
Unsere Lebenswirklichkeiten basieren auf diesen unterschiedlichen Ebenen, die sich gegenseitig bedingen. Sie können uns dabei helfen, herauszufinden, ob alternative Verhaltensweisen erlernt, neue Fähigkeiten entwickelt oder überholte Überzeugungen ersetzt werden müssen. Im Rahmen eines TEDx-Auftritts an der University of Alberta zeichnet Zaheen Nanji ihre ganz persönliche learning journey anhand dieses Modells nach. Zu Beginn ihrer Auseinandersetzung mit dem Stottern klang die Story, die sie sich selbst regelmäßig erzählte, so:

Ich bin eine Stotternde (Ebene der Identität) und ich glaube, dass ich nicht gut genug bin (Werte & Überzeugungen), weil ich nicht gut genug sprechen kann (Fähigkeiten).Ich vermeide Sprechsituationen (Verhalten) und ich bin umgeben von Menschen, die für mich sprechen und häufig meine Sätze beenden (Umgebung).

Warum verschwand Zaheens Angst vor dem Stottern auch in ihrem gewohnten Umfeld nicht, sodass sie das Sprechen vermied? Weil sie von ihren alten Glaubenssätzen geleitet wurde. Sie hatte ihr Gehirn all die Jahre darauf trainiert, herausfordernden Sprechsituationen aus dem Weg zu gehen. 
Was würde passieren, wenn sie sich stattdessen als gute Rednerin identifizieren würde? Wenn sich ihre Angst vermindern, ihr Sprechen selbstbewusster würde — nur indem sie daran glaubte, es schaffen zu können? Zaheens spricht nicht von einer Wunderheilung, und das macht sie sympathisch, glaubwürdig. Sie beschreibt es als den ersten Schritt, den sie gehen musste: sie änderte ihren Denkprozess, hörte auf zu vermeiden und begann mit der Umsetzung. Denn alles theoretische Lernen in logopädischen Behandlungen und Selbsthilfegruppen ist am Ende des Tages vergeudete Liebesmüh, wenn es nicht auch in der Praxis angewandt wird. Wenn man sich im Café letzten Endes doch wieder Minztee bestellt, obwohl man sich so auf einen Milchkaffee gefreut hat. Frühe hatte Zaheen panische Angst davor, dass alle denken könnten, sie sei ein Freak, sobald sie stotterte. Heute klingt ihre Story so: 

Ich bin eine starke, selbstbewusste Frau.
Ich glaube, dass ich gut genug bin.
Ich traue mich, meine Wahrheit auszusprechen und dabei andere zu inspirieren.
Ich stelle mich meinen Ängsten jeden Tag aufs Neue und setze meine Vorsätze in die Tat um.
Menschen um mich herum unterhalten sich gern mit mir.

Ihr Selbstwertgefühl basiert heute darauf, wie sie sich selbst sieht — nicht wie andere sie sehen. Wenn sie stottert, gelingt ihr dank neuer Denkmuster ein re-framing: was könnte das sonst noch bedeuten, das nützlich ist und mich weiterbringt? Durch die Nicht-Vermeidung hat sie sich ermächtigende Glaubenssysteme erschaffen. 

Mit einer Behinderung zu leben bedeutet Reifung.

NLP leistet damit nicht zuletzt auch einen wichtigen Beitrag zur Psychohygiene. Hirnkapazitäten werden frei und der Verstand klar. Auch ich kann jetzt erkennen, welchen Wert das Stottern für mich hat. Was ich alles erreicht und geschafft habe und wie stark mich diese Beeinträchtigung mit all ihren herausfordernden, und ja, auch erniedrigenden Erfahrungen gemacht hat. Mit einer Behinderung zu leben bedeutet Reifung. 

Aber das re-framing ist nicht nur für Betroffene wichtig. Auch als Gesamtgesellschaft müssen wir unsere Narrative ändern. Wir müssen uns endlich von tradierten, verstaubten Ordnungs- und Klassifikationssystemen verabschieden, die vom “Normalen” ausgehen und erst das “Andere” produzieren und damit Ausgrenzung schaffen. Uns Stotternden geht es genauso wie anderen “Nicht-Konformen” der Gesellschaft: wir sind nichts Besonderes und wollen auch nicht als solche behandelt werden. Gerade in dieser Nicht-Besonderheit, im Ausgehen vom Wir=ihr erfahren wir Empowerment.